Als sich am Nachmittag des 11. September 2001 die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme des World Trade Centers über die weltweiten Bildschirme verbreiteten, befand sich der FC Schalke 04 im finalen Ablauf seiner Spieltagsvorbereitung. Der Klub stand unmittelbar vor dem ersten Auftritt seiner Vereinsgeschichte in der Champions League. Die sportliche Vorfreude auf das Heimspiel gegen Panathinaikos Athen wandelte sich jedoch innerhalb von Minuten in Fassungslosigkeit. Angesichts von Berichten über Tausende Todesopfer und einer unklaren Sicherheitslage auf internationaler Ebene verlor der anstehende Wettbewerb jede reale Bedeutung.
Fieberhafte Bemühungen um eine Spielabsage
In den Führungsetagen der Königsblauen herrschte unmittelbar Einigkeit darüber, dass eine Austragung der Partie unter diesen Umständen ein falsches Signal darstellen würde. Manager Rudi Assauer und der Vorstand suchten umgehend den Kontakt zu politischen Stellen und versuchten, über das Bundeskanzleramt eine offizielle Weisung oder Intervention zu erwirken. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach den USA zwar die uneingeschränkte Solidarität der Bundesrepublik aus, eine behördliche Absage des Spiels erfolgte jedoch nicht. Die Entscheidungsgewalt verblieb allein beim europäischen Dachverband.
Die UEFA unter Präsident Lennart Johansson beharrte trotz der globalen Schockstarre auf der planmäßigen Durchführung des gesamten Dienstagsprogramms. Während in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Trauerbeflaggung angeordnet und Veranstaltungen ausgesetzt wurden, mussten die beteiligten Mannschaften antreten. Acht Begegnungen wurden an diesem Abend europaweit angepfiffen – eine Haltung, die in der Öffentlichkeit und den Medien auf scharfe Kritik stieß.
Gespenstische Kulisse in der Arena
In der damals neu eröffneten Arena auf Schalke erlebten rund 50.000 Zuschauer eine Atmosphäre, die in starkem Kontrast zu gewohnten Europapokalabenden stand. Gesänge blieben aus, stattdessen herrschte auf den Rängen eine drückende Stille. Viele Besucher verfolgten die Nachrichtenlage über Transistorradios oder diskutierten die politischen Folgen, anstatt das Geschehen auf dem Spielfeld zu fokussieren. Auch im Medienbereich drehten sich die Gespräche der anwesenden Journalisten fast ausschließlich um die Vorfälle in New York und Washington.
Für das Trainerteam um Huub Stevens erwies sich die Situation als beispiellose Herausforderung. Versuche, die Mannschaft im Vorfeld durch das Abschalten der Fernsehgeräte im Hotel abzuschirmen, blieben wirkungslos. Routiniers wie Andreas Möller betonten später die mentale Blockade, die ein fokussiertes Antreten unmöglich machte. Panathinaikos Athen fand sich in dieser Ausnahmesituation letztlich besser zurecht und entschied die Partie durch zwei späte Treffer in der Schlussphase mit 2:0 für sich. Eine fundierte Bewertung des sportlichen Leistungsvermögens oder regulärer taktischer Muster war an diesem Abend nicht möglich – Faktoren, die normalerweise jede professionelle Einschätzung im Rahmen der Fußballwetten und Leistungsanalysen bestimmen.
Die späte Einsicht des Verbands
Die Reaktionen nach dem Schlusspfiff verdeutlichten das Scheitern des Festhaltens am Spielplan. Rudi Assauer brachte das einhellige Unverständnis mit der Feststellung auf den Punkt, dass Schalke als eigenständiger Ausrichter die Partie keinesfalls angepfiffen hätte. Auch die internationalen Medien und beteiligten Klubs äußerten deutliche Kritik an der mangelnden Sensibilität der Sportfunktionäre.
Die UEFA zog aus dem Desaster des ersten Spieltages mit Verzögerung Konsequenzen: Die für den folgenden Mittwoch angesetzten Champions-League-Spiele sowie die Partien im UEFA-Pokal am Donnerstag wurden schließlich abgesagt und in den Oktober verschoben. Der 11. September 2001 bleibt damit ein mahnendes Fallbeispiel für die Grenzen der sportlichen Autonomie und verdeutlichte, dass der internationale Fußballbetrieb nicht losgelöst von globalen Realitäten agieren kann.
