Vom Meister der Herzen zur internationalen Bühne
Die sportliche Ausgangslage vor dem Herbst 2001 ist ohne das dramatische Saisonfinale der Vorsaison kaum zu verstehen. Nach dem Meisterschaftsfinale im Mai 2001, in dem Schalke für exakt vier Minuten und 38 Sekunden deutscher Meister war, ehe der FC Bayern München in Hamburg in der Nachspielzeit traf, lag der Verein emotional am Boden. Doch der Vizetitel und der DFB-Pokalsieg brachten den verdienten Lohn: die erstmalige direkte Qualifikation für die Gruppenphase der UEFA Champions League.
Zusätzlich vollzog der Klub infrastrukturell einen gewaltigen Sprung. Mit der Eröffnung der Arena AufSchalke im August 2001 verfügte der Verein über das modernste Multifunktionsstadion des Kontinents – inklusive schließendem Dach und herausfahrbarem Rasen. Das Auftaktspiel der Königsklasse gegen den griechischen Spitzenklub Panathinaikos Athen war restlos ausverkauft. 52.333 Zuschauer hatten sich Tickets gesichert, um Schalkes Debüt im Konzert der europäischen Schwergewichte zu zelebrieren. Wer heute historische Märkte oder Fußballwetten auf internationale Debüts analysiert, weiß, wie stark die emotionale Heimbilanz neu eingeweihter Stadien gewichtet wird. An jenem Spätsommertag deutete alles auf einen historischen Fußballabend hin.
14:46 Uhr mitteleuropäischer Zeit: Der Bruch aller Realität
Am frühen Nachmittag des 11. September zerschellte die sportliche Bedeutung des Tages binnen weniger Minuten. Als die ersten Live-Bilder der brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers in New York über die Bildschirme liefen, befand sich der Schalker Kader im Mannschaftshotel Schloss Berge in Gelsenkirchen. Die Vorbereitung auf ein Champions-League-Spiel folgt üblicherweise einem minutiösen Ablauf aus Taktikbesprechung, Ruhephase und Aktivierung. Dieser Ablauf existierte ab 15:00 Uhr nicht mehr.
Cheftrainer Huub Stevens, bekannt für seine Disziplin, forderte seine Spieler auf, die Fernsehgeräte in den Zimmern abzuschalten, um den Fokus zu wahren. Doch der Versuch war zwecklos. Die Wucht der weltweiten Nachrichtenlage zog die Profis in ihren Bann. Spielmacher Andreas Möller schilderte die Situation später so, dass in jenem Augenblick jeder im Team davon ausging, am Abend keinesfalls auf dem Rasen stehen zu müssen. Auch Schlussmann Oliver Reck betonte rückblickend, dass die Dimension der Anschläge so elementar war, dass kein Spieler im Kader mehr einen klaren Gedanken an den Sport fassen konnte.
Krisensitzung in Genf: Die umstrittene Direktive der UEFA
Während die Weltpolitik in Schockstarre verfiel, begann in der UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon eine fieberhafte Debatte. Insgesamt acht Partien des ersten Spieltags der Champions League standen am Dienstagabend auf dem Spielplan. Neben Schalkes Heimspiel gegen Athen waren unter anderem Begegnungen wie AS Rom gegen Real Madrid oder Mallorca gegen Arsenal angesetzt. Trotz der globalen Tragödie fällte das UEFA-Exekutivkomitee die Entscheidung, alle acht Dienstagspartien wie geplant anzupfeifen.
Die offizielle Argumentation des europäischen Verbandes stützte sich darauf, dass der Sport seine Neutralität wahren müsse und man dem Terrorismus nicht gestatten dürfe, das gesellschaftliche Leben und terminierte Großereignisse lahmzulegen. Diese Haltung stieß bei Vereinen, Aktiven und Medienvertretern auf ungläubiges Entsetzen. Während in den USA der gesamte Flugverkehr sowie sämtliche Profiligen wie die NFL und MLB sofort den Spielbetrieb einstellten, beharrte der europäische Fußballverband auf seinem Spielplan.
Rudi Assauers vergeblicher Kampf um die Absage
Auf Schalke stieß das Votum der UEFA auf erbitterten Widerstand. Manager Rudi Assauer, der den Verein über Jahre hinweg mit harter Hand und hoher Integrität geführt hatte, versuchte in stundenlangen Telefonaten, eine Verlegung der Begegnung durchzusetzen. Assauer nahm sogar direkten Kontakt mit dem Bundeskanzleramt in Berlin auf, um auszuloten, ob behördliche Verfügungen das Spiel untersagen könnten. Die rechtliche Hoheit über die Durchführung internationaler Vereinswettbewerbe lag jedoch allein bei der UEFA.
Assauer fand deutliche Worte für das Vorgehen des Verbands und stellte klar, dass Schalke als eigenständiger Ausrichter keinen einzigen Ball hätte rollen lassen. Auch Vorstandsmitglied Peter Peters hielt später fest, dass es Tage gibt, an denen Fußball schlicht unangebracht ist. Eine eigenmächtige Absage durch den FC Schalke 04 hätte nach den Statuten der UEFA drakonische Konsequenzen nach sich gezogen – von einer 0:3-Wertung am grünen Tisch bis hin zu einem mehrjährigen Ausschluss aus allen europäischen Wettbewerben. Um 18:30 Uhr musste der Schalker Mannschaftsbus schließlich die kurze Fahrt vom Hotel zur Arena antreten.
Geisterhafte Kulisse: 90 Minuten ohne Resonanz
In der Arena AufSchalke war von der geplanten Feststimmung nichts mehr übrig. Sämtliche Elemente des Rahmenprogramms wurden gestrichen. Die geplante Einweihungschoreografie der Nordkurve blieb zusammengerollt in den Katakomben, Musik und Sponsorenanimationen wurden vollständig untersagt. Als die beiden Mannschaften den Rasen betraten, herrschte eine bedrückende, fast unheimliche Stille. Nach einer Schweigeminute für die Opfer von New York, Washington und Pennsylvania pfiff der portugiesische Schiedsrichter Vítor Melo Pereira die Begegnung an.
Was auf dem Spielfeld folgte, war ein sportliches Spiegelbild der mentalen Lähmung. Schalke, angetrieben von einer normalerweise lautstarken Kulisse, fand zu keinem Zeitpunkt eine spielerische Linie. Das Sturmduo Ebbe Sand und Emile Mpenza, das in der vorangegangenen Bundesligasaison für Furore gesorgt hatte, verzeichnete über die gesamte Spielzeit keinen einzigen Torschuss auf das griechische Gehäuse. Panathinaikos Athen agierte taktisch diszipliniert und nutzte die Passivität der Gelsenkirchener gnadenlos aus. Durch späte Treffer von Goran Vlaović in der 75. Minute und Angelos Basinas in der 80. Minute entschieden die Gäste die Partie mit 2:0 für sich.
In den damaligen Spielberichten und Analysen der Wettquoten und Wahrscheinlichkeiten spielte die taktische Ordnung jedoch keine Rolle. Weder Spieler noch Trainer Huub Stevens machten nach dem Schlusspfiff taktische Defizite für die Pleite verantwortlich. Stevens konstatierte schlicht, dass seine Mannschaft mental nicht in der Lage gewesen sei, Leistungssport auf höchstem Niveau abzurufen.
Die Kehrtwende der UEFA am 12. September
Die Tragweite des Fehlurteils vom Dienstagabend holte die UEFA binnen weniger Stunden ein. Angesichts einer beispiellosen Welle internationaler Kritik, diplomatischen Unverständnisses und des öffentlichen Drucks vollzog der Verband am Vormittag des 12. September eine Kehrtwende: Alle für Mittwoch angesetzten Partien der Champions League sowie die Spiele des UEFA-Cups wurden mit sofortiger Wirkung abgesagt und in den Oktober verschoben.
Für den FC Schalke 04, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund – die allesamt am Dienstag antreten mussten – kam dieser Sinneswandel zu spät. Die sportlichen Resultate blieben in den offiziellen Tabellen bestehen. Schalke beendete die Gruppenphase später auf dem vierten Rang, konnte die Auftaktniederlage nie ganz kompensieren und schied vorzeitig aus dem Wettbewerb aus. In den Chroniken des Vereins bleibt die Premiere in der Königsklasse bis heute nicht als fußballerisches Ereignis verankert, sondern als der Tag, an dem das Spielgerät für 90 Minuten jede Relevanz verlor.
