Erinnerungskultur trifft Bundesliga-Alltag: Auf dem Vorplatz der Frankfurter Arena steht ein aufklappbarer Seecontainer, der die Wanderausstellung „Stolen Memory“ beherbergt. Initiiert von den Arolsen Archives, zielt das Projekt darauf ab, die Biografien von NS-Opfern sichtbar zu machen und entwendete Besitztümer an deren rechtmäßige Familien zu übergeben. Die Wahl des Stadionareals als Ausstellungsort bricht bewusst mit klassischen Museumskonzepten, um Menschen dort zu erreichen, wo an Spieltagen Zehntausende zusammenkommen.
Im Zentrum der aktuellen Suche stehen drei Männer aus Hessen, deren Schicksale stellvertretend für die systematische Entrechtung im Nationalsozialismus stehen: Kurt Kinder aus Hohenstein im Taunus, Hans Krejcar aus Frankfurt am Main sowie Bernhard Marschall aus Ober-Seemen. Alle drei wurden während der NS-Diktatur in Konzentrationslager verschleppt. Die Arolsen Archives bewahren die letzten greifbaren Zeugnisse ihrer Identität auf und suchen nun nach Hinweisen auf noch lebende Nachkommen in der Region.
Bei den verwahrten Objekten handelt es sich um sogenannte „Effekten“ – Gegenstände, die Gefangenen bei der Einlieferung in die Lager abgenommen wurden. Im Fall von Kurt Kinder existiert ein erhaltener Ehering, für die Angehörigen von Hans Krejcar liegt ein metallenes Zigarettenetui bereit, und für die Familie von Bernhard Marschall wird eine Armbanduhr aufbewahrt. Diese persönlichen Habseligkeiten wurden damals bürokratisch erfasst und überdauerten die Jahrzehnte in Archivbeständen.
Projektleiterin Charlotte Meiwes stellt klar, dass diese Gegenstände keinen materiellen Marktwert besitzen, da wertvollere Güter wie Edelmetalle oder Devisen den Inhaftierten unmittelbar geraubt wurden. Ihr immaterieller Wert für die Angehörigen ist dagegen kaum zu beziffern. Oft stellen diese Alltagsgegenstände das einzige verbliebene physische Bindeglied zu den verschleppten Vorfahren dar, von denen viele Familien nach dem Krieg weder Grabstätten noch persönliche Nachlässe erhielten.
Die Erfolgsbilanz der Arolsen Archives unterstreicht die Relevanz der Kampagne: Seit dem Start des Rückgabeprojekts im Jahr 2016 konnten bereits rund 1.000 von ursprünglich etwa 5.000 Umschlägen mit persönlichen Effekten an Familien auf der ganzen Welt übergeben werden. Jede einzelne Rückgabe erfordert oft monatelange genealogische Recherchen, Archivabgleiche und die Unterstützung lokaler Initiativen, da Nachfahren infolge von Flucht, Heirat oder Namenswechseln schwer auffindbar sind.
Der Ausstellungscontainer direkt vor der Haupttribüne ist bis zum 28. Oktober geöffnet und empfängt Besucher jeweils dienstags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr. Die Installation nutzt Bild- und Texttafeln auf engstem Raum, um die individuellen Leidenswege der Inhaftierten zu rekonstruieren. Durch die Platzierung auf dem Stadiongelände wird sichergestellt, dass sowohl reguläre Museumsbesucher als auch Stadionbesucher an Heimspieltagen unkompliziert Zugang zu den Inhalten erhalten.
Ergänzend zur festen Container-Station verteilen Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer der Arolsen Archives im Vorfeld von Begegnungen Flyer an die anreisenden Fangruppen. Diese direkte Ansprache setzt auf die Reichweite der Fußball-Community: Ein einzelner lokaler Hinweis auf eine Familienlinie oder einen Stammbaum in Hessen kann genügen, um die entscheidende Verbindung zu den Nachfahren von Kinder, Krejcar oder Marschall herzustellen.
Für den hessischen Traditionsverein fügt sich die Kooperation nahtlos in das bestehende Vereinsengagement ein. Vorstandsmitglied Philipp Reschke unterstrich zur Eröffnung, dass das Pflegen und Schaffen einer lebendigen Erinnerungskultur bei Eintracht Frankfurt seit vielen Jahren fest im Klubprofil verankert ist. Die Verbindung von Vereinshistorie und gesellschaftlicher Verantwortung sei kein Pflichtprogramm, sondern gelebte Haltung gegenüber Stadt und Region.
Matthias Thoma, der das vereinseigene Eintracht-Museum leitet, verweist in diesem Kontext auf die vereinsinterne Reihe „Spurensuche“. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit arbeitet der Klub systematisch die Biografien ehemaliger jüdischer und politisch verfolgter Vereinsmitglieder auf. Die Kooperation mit den Arolsen Archives erweitert diesen Ansatz, indem sie die sportbezogene Aufarbeitung mit konkreter Familien- und Regionalgeschichte verzahnt.
Stadionanlagen fungieren hierbei als Schwellenräume für gesellschaftspolitische Aufklärung. Während klassische Gedenkstätten und Archive oft ein bereits vorgebildetes Publikum anziehen, ermöglicht das Stadionumfeld eine niederschwellige Konfrontation mit historischer Verantwortung. Die Kombination aus Spitzensport im Rahmen der Bundesliga und dokumentarischer Erinnerungsarbeit erreicht unterschiedlichste Alters- und Bildungsschichten gleichermaßen.
Die genealogische Recherche gestaltet sich acht Jahrzehnte nach Kriegsende zunehmend komplex. Da Zeitzeugen kaum noch Auskunft geben können, sind Archive auf Sekundärquellen, digitale Melderegister und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit angewiesen. Die Ausstellung „Stolen Memory“ macht diesen detektivischen Prozess für die Stadionbesucher transparent und zeigt auf, wie aus behördlichen Fragmenten vollständige Lebensbilder rekonstruiert werden.
Die Rückmeldungen früherer Rückgaben zeigen regelmäßig, welche identitätsstiftende Kraft von den übergebenen Objekten ausgeht. Angehörige der dritten und vierten Generation erhalten dadurch oft erstmals Gewissheit über die letzten Stationen ihrer Verwandten. Die Konfrontation mit den greifbaren Artefakten wie Uhren oder Ringen schließt Lücken in familiären Überlieferungen, die durch Vertreibung und Kriegszerstörung über Generationen hinweg bestanden.
Das Projekt vor der Frankfurter Tribüne demonstriert, dass zeitgemäße Erinnerungsarbeit dort stattfinden muss, wo öffentliches Leben pulsiert. Die Arolsen Archives und Eintracht Frankfurt nutzen die Plattform des Profifußballs nicht als Kulisse, sondern als funktionales Werkzeug zur Lösung offener historischer Schicksale – mit dem klaren Ziel, die drei verbliebenen Effekten noch während der laufenden Ausstellungszeit ihren Erben zu überreichen.
