Ojeda spricht Klartext: Was hinter Albas Vorbereitung steckt
Die Vorbereitungsphase des amtierenden Meisters verlief auf dem Papier ernüchternd. Zwei deutliche Dämpfer gegen spanische Kontrahenten haben in der Szene Fragen aufgeworfen: Einem knappen 99:101 gegen das Euroleague-Schlusslicht Baskonia folgte ein deutliches 86:105 gegen den spanischen Aufsteiger Obradoiro. Wer daraus jedoch eine fundamentale Krise ableitet, greift nach Ansicht von Sportdirektor Himar Ojeda zu kurz. Im Gespräch mit SPORT BILD relativierte der Funktionär die Resultate und verwies auf die strukturellen Rahmenbedingungen dieses Spätsommers.
Ein zentraler Faktor ist die extrem kurze Regenerationszeit. Da die Berliner bis Mitte Juni in den Finalspielen gefordert waren, blieb dem Betreuerstab kaum Spielraum für einen klassischen konditionellen und taktischen Aufbau. Der Übergang von der maximalen Wettkampfbelastung der Vorsaison direkt in die Grundlagenphase hinterlässt spürbare Spuren in den Beinen und in der Abstimmung. Nach einer derart ausgedehnten Spielzeit benötigt ein Kader erfahrungsgemäß mehrere Wochen unter Wettkampfbedingungen, um die nötige Frische und defensive Härte zu entwickeln.
Kaderumbruch und personelle Engpässe im Fokus
Neben der physischen Belastungssteuerung wiegt die personelle Fluktuation schwer. Ojeda betonte, dass der Verein derzeit zahlreiche Neuzugänge integrieren muss. Ein neues Spielkonzept greift im modernen Basketball nicht über Nacht, insbesondere wenn automatisierte Rotationen in der Help-Defense und das Timing im Pick-and-Roll elementare Säulen des Systems darstellen. Wenn gleich mehrere Schlüsselpositionen neu besetzt werden, leidet in den ersten Testläufen zwangsläufig die defensive Stabilität.
Erschwerend kam hinzu, dass das Trainerteam in den entscheidenden Trainingswochen auf mehrere Eckpfeiler verzichten musste. Norris Agbakoko und Jack Kayil weilten in Übersee bei der G-League, während Malte Delow und Martin Hermannsson mit ihren jeweiligen Nationalmannschaften im Einsatz waren. Ohne etablierte Playmaker und Defensivanker verkommt die Vorbereitung zu einer Notlösung, bei der individuelle Minutenverteilung Vorrang vor dem Einstudieren komplexer Spielzüge hat.
Gelassenheit mit historischem Vorbild
Für Ojeda besitzen die Resultate aus den Testspielen daher keine echte Aussagekraft über das tatsächliche Leistungsvermögen der Mannschaft. Er zog eine Parallele zur vergangenen Saison: Auch damals startete der Hauptstadtklub mit einer überraschenden Auftaktniederlage gegen Trier und feierte neun Monate später dennoch den Gewinn der Meisterschaft. Seine Kernaussage fasst die Berliner Philosophie zusammen: Entscheidend sei nicht der Startpunkt einer Spielzeit, sondern das Niveau, auf dem man die Saison beendet.
Diese Haltung lässt sich auf zwei Weisen deuten. Einerseits zeugt sie von einem tiefen Vertrauen in das vorhandene Entwicklungspotenzial und die individuelle Qualität der Neuzugänge. Andererseits fungiert Ojedas öffentliche Gelassenheit als gezielter Schutzmechanismus, um die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zu dämpfen und den neuformierten Profis den nötigen Entwicklungsraum ohne übermäßigen Druck zu gewähren.
Auswirkungen auf die ersten Spieltage der BBL
Für die Analyse der ersten Saisonwochen liefert dieser Befund wertvolle Erkenntnisse. Ein Team im Reifeprozess neigt zu höheren Schwankungen während der 40 Spielminuten. Insbesondere bei den Wettquoten auf frühe Handicap-Märkte sollten Beobachter einkalkulieren, dass Albas Offensivmaschinerie noch nicht rund läuft und defensive Aussetzer gegen eingespielte Ligakonkurrenten wahrscheinlicher sind. Gegen defensiv kompakte Gegner könnte das Gesamtpunkte-Niveau in den ersten Partien unter dem gewohnten Schnitt der Berliner liegen.
Gleichzeitig darf das individuelle Talent im Kader nicht unterschätzt werden. Selbst mit lückenhafter Abstimmung verfügt das Team über ausreichend Klasse, um enge Schlussphasen über Einzelaktionen zu entscheiden. Wer fundierte Wett-Tipps auf die BBL vorbereitet, tut gut daran, Albas Formkurve von Spieltag zu Spieltag neu zu kalibrieren, anstatt voreilig auf einen dauerhaften Trend zu setzen.
