Ein Abstiegskandidat, der trat statt zu spielen
Matthäus und Simeone trafen sich in der Serie A: Simeone trug damals das Trikot des AC Pisa, Matthäus das von Inter Mailand. Pisa war in dieser Zeit Abstiegskandidat — und genau daraus erklärt Matthäus den Stil seines Gegenspielers. „Der hat getreten und getreten“, sagt er über Pisa. Das ist keine Nebenbemerkung: Ein Team, das spielerisch unterlegen ist, sucht den Zugriff über den Körper. Für den Gegner heißt das, dass die spielerische Überlegenheit nicht automatisch in Räume umschlägt — sie wird vorher physisch abgefragt.
Der Auftrag hieß Spielmacher, nicht Ball
Was Matthäus an Simeone beschreibt, ist ein klares Rollenbild: „Er war immer so ein bisschen auf die Spielmacher angesetzt, auf die offensiven Mittelfeldspieler.“ Die Namen, die er nennt, zeigen, wie ernst das gemeint war — Platini, Maradona, Zico, Hansi Müller. Wer über Jahre gegen die besten Zehner Europas antritt, entwickelt kein Spiel, sondern eine Aufgabe. Für den heutigen Gegner bedeutet das: Der Aufbau läuft nicht über den freien Mann, sondern über den, der sich gegen den Körper durchsetzt.
Zwei Wege, dasselbe Problem zu lösen
Matthäus zieht die Trennlinie selbst: „Im Gegensatz zu ihm bin ich aber ohne Foul zurechtgekommen, weil ich sehr schnell war und antizipiert habe.“ Das ist der sachliche Kern des Vergleichs. Beide waren für defensive Aufgaben eingeteilt, beide lösten sie — nur der eine über Tempo und Stellungsspiel, der andere über die Präsenz am Mann. Matthäus beschreibt hier keine Moral, sondern zwei funktionierende Methoden. Für die Bewertung eines Spiels zählt am Ende nur, welche Methode der Gegner nicht aushebeln kann.
Der Maßstab: der eigene Kapitän
Am härtesten wird Matthäus bei einer Szene, die er ausdrücklich als das Schlimmste bezeichnet: Simeone habe auch Maradona umgetreten — seinen Kapitän in der argentinischen Nationalmannschaft, mit dem er zusammen spielte. „Seinen Kapitän der Nationalmannschaft hat der getreten.“ Das ist der Punkt, an dem die Erzählung über den kompromisslosen Zweikämpfer zur Erzählung über eine Grenze wird. Man kann das als Härte lesen oder als Übertreibung im Zweikampf — beides erklärt, warum Gegenspieler gegen ihn vorne und hinten Schienbeinschoner brauchten, wie Matthäus sagt.
Vom Spieler zum Trainer
Matthäus überträgt das Bild direkt auf heute: „Der hat damals Schaum vorm Mund gehabt – genauso wie jetzt.“ Der Satz verbindet zwei Karrieren, ohne dass Matthäus eine taktische Prognose daraus macht. Was er beschreibt, ist eine Haltung, die von der Seitenlinie auf die Mannschaft wirkt. Ein Trainer, der so auftritt, verschiebt die Erwartung an das eigene Team: nicht kontrollieren, sondern angreifen. Für den Gegner ist das vor allem ein mentales Problem, kein fußballerisches.
Die Fans als Verstärker
Dazu kommt das Publikum. Matthäus beschreibt die Atlético-Anhänger als „genauso bekloppt wie der Simeone – also positiv bekloppt“, die hinter ihrer Mannschaft stehen, „auch mit dieser Aggressivität, nicht nur mit Unterstützung“. Das ist der Teil, der sich nicht trainieren lässt. Ein Stadion, das nicht nur trägt, sondern drückt, verändert die Entscheidungszeit auf dem Platz — und es macht jeden Zweikampf zu einem, den man nicht einfach abgibt.
Warum das für den Gegner zählt
Matthäus fasst es knapp zusammen: „So ein Spiel ist für den Gegner eine Herausforderung.“ Der Satz ist die eigentliche Aussage des ganzen Gesprächs. Es geht nicht um Angst, sondern um Aufwand. Wer gegen ein Team antritt, das über Körper, Rolle und Atmosphäre kommt, muss mehr investieren als fußballerisch nötig — und dieses Mehr entscheidet oft darüber, ob die eigene Qualität überhaupt zum Tragen kommt.
Was gegen die Erzählung spricht
So klar das Bild ist, es bleibt eine Erinnerung. Matthäus erzählt aus der eigenen Karriere, und Erinnerungen wählen aus. Ein einzelner Spieler prägt nicht automatisch eine ganze Mannschaft, und ein Trainer, der an der Linie explodiert, hat inzwischen auch Mannschaften trainiert, die geordnet verteidigen und geduldig auf Konter warten. Die Härte von Pisa und die Härte von heute sind nicht dasselbe — die eine kam aus Unterlegenheit, die andere aus einer bewusst gewählten Ordnung. Wer aus dem Zitat eine sichere Erwartung ableitet, überdehnt es.
Was der Leser mitnehmen kann
Bleibt der Kern: Matthäus beschreibt einen Gegenspieler, der seinen Auftrag über alles stellte, und erkennt dieselbe Haltung an der Seitenlinie wieder. Für die Einordnung eines Spiels sind das zwei konkrete Anhaltspunkte — die Rolle des Gegenspielers und die Stimmung im Stadion. Beides lässt sich vor dem Anpfiff prüfen, beides sagt aber nichts über das Ergebnis. Wer daraus eine Wette ableiten will, sollte die eigene Einschätzung an der Form und den Aufstellungen messen, nicht an einer Anekdote aus den Neunzigern.
