Kurz vor dem Start der regulären Saison hat die Preseason der NBA für die deutschen Profis zwei völlig gegensätzliche Geschichten geschrieben. Im Fokus steht dabei vor allem Orlando Magic, wo die Stimmung nach dem 136:115-Sieg gegen die Miami Heat getrübt ist. Auslöser war eine Szene im dritten Viertel: Franz Wagner ging nach einem Wurfversuch von jenseits der Dreierlinie zu Boden und hielt sich unmittelbar die rechte Schulter. Der 23-jährige Berliner musste die Partie sofort abbrechen und kehrte nicht mehr zurück. Eine finale Diagnose steht noch aus, doch die Sorge vor einer strukturellen Blessur wie einer Zerrung oder Kapselüberdehnung wiegt schwer, da jede Schulterblessur beim dominanten Wurfarm die Mechanik und das Ballhandling spürbar einschränkt.
Dabei hatte der Auftritt des Forward bis zu seinem vorzeitigen Ausscheiden eindrucksvoll untermauert, welchen Stellenwert er im System von Head Coach Jamahl Mosley einnimmt. In knapp 19 Minuten Einsatzzeit verbuchte Wagner elf Zähler, sechs Rebounds und sechs Assists. Er agierte dabei nicht nur als verlässlicher Scorer, sondern vor allem als primärer Ballverteiler im Halbfeld. Orlandos Offensive wirkte dynamisch, das Umschaltspiel über die Flügel griff präzise ineinander. Ein möglicher Ausfall Wagners zum Saisonauftakt würde die Balance der Magic spürbar verschieben, da Paolo Banchero in diesem Fall noch mehr Aufmerksamkeit der gegnerischen Defense auf sich ziehen würde.
Die aktuelle Situation weckt bei den Verantwortlichen in Florida unweigerlich Erinnerungen an die vergangene Spielzeit. Dort verpasste Wagner verletzungsbedingt bereits eine Reihe von Partien wegen Knöchelproblemen, was die Magic in der Tabelle empfindlich zurückwarf. Ohne seine Penetration in die Zone verliert Orlandos Offensive einen großen Teil ihrer Zugkraft zum Korb, was die gegnerischen Defensivreihen dichter staffeln lässt. Die Abhängigkeit der Franchise von der individuellen Qualität ihrer beiden jungen Franchise-Pfeiler ist statistisch belegt: Mit Wagner auf dem Feld erzielte Orlando im Vorjahr pro 100 Ballbesitze signifikant mehr Punkte als ohne ihn.
Sollte Wagner für die ersten Pflichtspiele ausfallen, müssen die Defensivspezialisten Jalen Suggs und Neuzugang Kentavious Caldwell-Pope noch mehr offensive Verantwortung im Backcourt schultern. Taktisch bedeutet das eine Umverteilung der Ballbesitzzeiten: Orlando müsste vermehrt über klassische Pick-and-Roll-Sets agieren, anstatt auf Wagners individuelle Eins-gegen-Eins-Kreativität auf dem Flügel zu setzen. Für Beobachter, die die Entwicklung der Eastern Conference verfolgen, verändert eine solche Personalie die Ausgangslage spürbar, da die Magic im engen Playoff-Rennen jeden Sieg im Oktober und November benötigen.
Einen Lichtblick lieferte aus Orlandos Perspektive immerhin der zweite deutsche Akteur auf dem Feld: Tristan da Silva wusste die ihm gewährte Spielzeit effizient zu nutzen. Der 23-jährige Rookie kam in 22 Minuten von der Bank und überzeugte mit zwölf Punkten, vier Rebounds und zwei Assists. Besonders seine Wurfauswahl und die defensive Fußarbeit stachen hervor. Sollte Wagner kürzertreten müssen, gilt da Silva als logischer Kandidat für eine erweiterte Rolle in der Second Unit, da sein Skillset als moderner Shooting Forward ideal in Mosleys flügellastiges Konzept passt.
Völlig andere, überraschend positive Schlagzeilen schrieb zeitgleich das Gastspiel der Charlotte Hornets bei den Memphis Grizzlies. Zwar unterlag das Team aus North Carolina mit 98:116, doch der individuelle Auftritt von Hannes Steinbach sorgte ligaweit für Aufsehen. Der 20-jährige Center, der im Vorfeld der Saison kaum auf den Zetteln der US-Experten für feste Rotationsminuten stand, avancierte mit 19 Punkten und zehn Rebounds zum Topscorer und besten Rebounder seiner Mannschaft.
Steinbach demonstrierte gegen die physisch anspruchsvolle Frontcourt-Besetzung aus Memphis eine bemerkenswerte Reife unter den Brettern. Fünf seiner zehn Rebounds holte der gebürtige Würzburger am offensiven Brett, was Charlotte zahlreiche zweite Wurfchancen ermöglichte. Seine Punkteausbeute resultierte aus einer soliden Feldwurfquote, schnellen Abschlüssen am Korb und einer sauberen Fußarbeit nach dem Abrollen aus dem Pick-and-Roll. Für einen Center-Rookie in der Preseason ist ein solches Double-Double eine unmissverständliche Empfehlung an Head Coach Charles Lee.
Die basketballerische Herkunft aus Würzburg verleiht Steinbachs Profil zusätzlichen Reiz. Wie einst die prominentesten Vorbilder aus der unterfränkischen Talentschmiede bringt der 2,06 Meter große Center ein hohes Spielverständnis mit, das über reine Athletik hinausgeht. Seine Positionierung beim Rebound und das Timing beim Ausblocken zeigten gegen Memphis bereits NBA-Format. Die Hornets, die sich mitten in einem tiefgreifenden Neuaufbau befinden, suchen auf den großen Positionen nach Tiefe und Energie – zwei Attribute, die Steinbach an diesem Abend nahtlos lieferte.
Flankiert wurde Steinbachs starke Leistung von Rookie-Guard Christian Anderson Jr., der in 24 Minuten auf 15 Punkte und sechs Assists kam. Das Zusammenspiel der beiden Neulinge im vierten Viertel funktionierte überraschend flüssig: Anderson fand Steinbach mehrfach per Lob-Pass oder Durchstecker in der Zone. Diese Dynamik gibt den Hornets wertvolle Erkenntnisse für die Besetzung der Bankplätze, da Charlotte in den vergangenen Jahren häufig unter mangelnder Tiefe in der zweiten Garde litt.
Deutschlands Nationalmannschaftskapitän Dennis Schröder wählte bei der Partie einen betont zurückhaltenden Ansatz. In rund 18 Minuten Spielzeit verbuchte der erfahrene Point Guard sechs Punkte und fünf Rebounds. Schröder konzentrierte sich sichtlich darauf, das Tempo zu kontrollieren, die Angriffe zu strukturieren und den jüngeren Mitspielern Räume zu eröffnen. Seine Führungsrolle in Charlotte ist in dieser Saison vorrangig als Mentor und Stabilisator angelegt, weniger als primäre Scoring-Option im Angriff.
Für die taktische Ausrichtung der Hornets ist Schröders Erfahrung von zentralem Wert. Das junge Team neigt bei gegnerischen Läufen noch zu überhasteten Distanzwürfen und Ballverlusten. Schröders Fähigkeit, das Tempo in kritischen Phasen zu drosseln und Fouls zu ziehen, verschafft Talenten wie Steinbach und Anderson die nötige Orientierung auf dem Parkett, um ihre Stärken ohne übermäßigen Druck zu entfalten.
Mit Blick auf die langfristigen Märkte und Saisonwetten verschieben solche Preseason-Erkenntnisse die Nuancen: Während die Win-Totals für Orlando bei einem längerfristigen Wagner-Ausfall unter Druck geraten könnten, bleibt die Magic-Defense mit Banchero und Caldwell-Pope stabil genug, um Ausfälle phasenweise zu kompensieren. Bei den Hornets wiederum deuten die Leistungen von Steinbach darauf hin, dass die Bank tiefer besetzt sein könnte als noch im Vorjahr prognostiziert, was Charlotte zu einem unangenehmeren Außenseiter für etablierte Teams machen dürfte.
Vor dem Hauptrundenstart richtet sich der Blick der Fans und Analysten nun gespannt auf die anstehenden medizinischen Untersuchungen in Orlando sowie die letzten Vorbereitungstests der Hornets. Sollte Franz Wagner rechtzeitig Entwarnung geben können, gehen die Magic mit berechtigten Playoff-Ambitionen in das Eröffnungsspiel. Hannes Steinbach hingegen hat sich mit einem einzigen starken Auftritt eine realistische Chance erarbeitet, auch wenn die reguläre NBA-Saison ihren vollen Spielbetrieb aufnimmt.
