Was der Kalender den Körpern abverlangt
Zverev hat in diesem Jahr rund 68.000 Kilometer Luftlinie zwischen seinen bisherigen 21 Spielorten zurückgelegt – mehr als eineinhalb Erdumrundungen. Diese Zahl ist keine Kuriosität, sie ist eine Belastungsgröße: Jeder dieser Flüge kostet Anpassung, jede Zeitzone einen Rhythmus. Wer das mit dem Turnierplan zusammenrechnet, versteht, warum Zverev in Wien sagte, es gehe „leider in die falsche Richtung“ und man solle „zwei, drei Wochen weniger spielen“.
Laura Siegemund hat das Reisen im ZDF-„Sportstudio“ als eine „der größten Belastungen“ bezeichnet und von „Kontinentensprüngen“ sowie häufigen Wechseln zwischen Zeitzonen und Klimabedingungen gesprochen. Das ist die weibliche Perspektive auf dieselbe Mechanik – und sie verschiebt den Blick: Es geht nicht nur um Matches, sondern um die Wege dazwischen, die im Kalender als Leerzeilen erscheinen und im Körper als Arbeit.
Die Masters-Turniere sind gewachsen
2022 dauerten nur zwei der neun Masters-Turniere knapp zwei Wochen, mittlerweile sind es sieben. Das ist der konkrete Hebel hinter der Klage: Aus einem zweiwöchigen Turnier wird ein Block, der die Wochen davor und danach mitbindet – Anreise, Vorbereitung, Erholung. Wer die sieben verlängerten Masters addiert, sieht, wo die Saison ihre Luft verliert. Die Rechnung ist einfach, die Folge unangenehm.
Das Punktesystem macht Pausen teuer
Weltranglistenpunkte fallen nach 52 Wochen aus der Wertung und müssen durch neue Erfolge ersetzt werden. Wer längere Pausen macht, riskiert im Ranking abzurutschen. Das ist der Kern des Teufelskreises: Nicht ein einzelnes Turnier zwingt zum Antritt, sondern die Aussicht, dass ein Ausfall nach einem Jahr als Lücke in der Wertung auftaucht. Pause wird nicht neutral verbucht, sie wird bestraft.
Die Platzierung entscheidet über die direkte Teilnahme an großen Turnieren oder den Umweg über die Qualifikation. Dazu kommen Pflicht-Turniere, die Topprofis spielen müssen. Damit ist die Wahlfreiheit, die ATP-Präsident Andrea Gaudenzi betont, eine formale: Die Profis könnten ihre Turnierpläne grundsätzlich selbst bestimmen, räumte er ein – nur ist die Alternative zur Teilnahme selten eine echte.
Die Spieler benennen den Preis
Carlos Alcaraz sagte bei den US Open, es gehe „in die falsche Richtung“, und beschrieb den Verlust, der über die Belastung hinausgeht: „Manchmal, wenn man eine so lange Saison spielt und Woche für Woche bei Turnieren antritt, habe ich das Gefühl, dass ich die Freude am Spielen verliere.“ Er will den Tennisport zwischendurch auch mal vermissen können – „Es ist ein Turnier nach dem anderen, immer und immer wieder“.
Alcaraz ergänzte, irgendwann habe man das Gefühl, bei manchen Turnieren „gar nicht richtig vorbereitet“ an den Start zu gehen. Das ist der eigentliche Qualitätsverlust: Nicht nur der Körper kommt an seine Grenze, sondern die Vorbereitung wird zur Restgröße. Für den Zuschauer heißt das, dass Formkurven schwerer zu lesen sind – wer angeschlagen anreist, spielt anders als sein Ranking vermuten lässt.
Ausfälle als Beleg
Jannik Sinner hat wegen Knieproblemen seit Wimbledon kein Match mehr bestritten und seine ATP-Saison vorzeitig beendet. Alcaraz musste eine mehrmonatige Zwangspause einlegen. Jack Draper kämpft seit August 2025 mit langwierigen Verletzungsproblemen und will seine Turnierplanung künftig vorsichtiger gestalten. Drei Fälle, ein Muster: Die Belastung schlägt nicht als Klage zu Buche, sondern als Abwesenheit.
Der Widerspruch, den Draper formuliert
Jack Draper hat im „BAGEL Magazine“ den Gegeneinwand selbst geliefert: Viele junge Spieler sähen den Kalender und sagten sich, man müsse „doch nicht jede Woche spielen“ – „Doch letztendlich wollen diese jungen Spieler die Nummer 1 werden. Und um das zu erreichen, muss man Woche für Woche antreten.“ Das ist der ehrlichste Satz zur Debatte, weil er zeigt, dass der Kreislauf nicht nur von oben kommt. Er ist auch der Preis des Aufstiegs.
Wer diesen Widerspruch ernst nimmt, wird vorsichtig mit schnellen Schuldzuweisungen. Die Spieler klagen über einen Kalender, den sie zugleich bespielen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Gaudenzi wiederum begründet die Ausweitung der Masters mit steigenden Einnahmen, von denen auch die Spieler profitierten – Zverev kassierte in diesem Jahr bislang knapp 14 Millionen Euro brutto an Preisgeld. Der Geldstrom ist real, die Belastung auch.
Wo die Grenze verläuft
Gaudenzi hat die hohe Belastung eingeräumt und eine längere Winterpause in Aussicht gestellt. Das ist der Punkt, an dem die Debatte konkret wird: nicht ob gespielt wird, sondern wie viel Zeit zwischen den Blöcken bleibt. Zverev verzichtet zum Jahreswechsel auf den United Cup – „weil es einfach unmöglich ist für mich“, wie er sagte, weil er sonst aus dem Urlaub quasi direkt nach Australien fliegen müsste. Das ist keine Verweigerung, das ist Selbstschutz.
Für die Bewertung von Form und Ergebnissen folgt daraus eine nüchterne Regel: Wer in einer Phase mit vielen Turnieren und weiten Reisen antritt, bringt selten seine volle Vorbereitung mit. Wie stark dieser Effekt einzelne Spiele verschiebt, lässt sich nicht seriös beziffern – dafür sind Verletzungen, Reisestress und Trainingsrückstand zu unterschiedlich verteilt. Wer den Kalender kennt, liest Ergebnisse aber mit anderem Blick. Die Ergebnisse und die Quoten bleiben die Grundlage; die Frage, in welchem Zustand ein Spieler anreist, gehört zur Einordnung dazu.
